16 Apr 2018

20 Jahre tarifliche Gestaltung in der Zeitarbeit – Rheinland Relations im Interview mit Norbert Fuhrmann

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Norbert Fuhrmann

Norbert Fuhrmann

Vor 20 Jahren fasste Norbert Furhman einen Entschluss, der die Zeitarbeit komplett veränderte und später für einen massiven Aufschwung in der Personaldienstleistung sorgte: Er führte den ersten Tarifvertrag der Branche ein und sorgte mit diesem Schritt für die nachhaltigste Veränderung der Zeitarbeit. Anlässlich dieses Jubiläums führte Rheinland Relations ein Interview mit ihm.

RR:Vor genau 20 Jahren fassten Sie den Entschluss, in der Zeitarbeit Tarifverträge einzuführen. Was war Ihre Intention?

Fuhrmann: Die Zeitarbeit war zum damaligen Zeitpunkt stark gesetzlich reglementiert – also fremdbestimmt – und von den Gewerkschaften bekämpft. Meine Idee war, diese Fremdbestimmung aufzubrechen und die Sozialpartner zu überzeugen, gemeinsam die Branche Zeitarbeit zu gestalten.

RR: Und dann haben sie sich ausgerechnet die IG Metall als möglichen Tarifpartner ausgesucht, die zur damaligen Zeit die Zeitarbeit verbieten wollte?

Fuhrmann: Das war die besondere Herausforderung. In 1998 haben die ersten Gespräche und Verhandlungen begonnen, die dann Anfang 1999 zum ersten Tarifvertrag der Branche führten.

RR: Wie ist dies von der Branche aufgenommen worden?

Fuhrmann: Viele Branchenvertreter standen Tarifverträgen grundsätzlich ablehnend gegenüber. Nach der AÜG-Änderung 2002 musste sich die Branche mit dem Tarifthema beschäftigten, da ohne Zeitarbeitstarife Equal Treatment zu gewähren war.

RR: Was war der entscheidende Schritt hin zu den Verbandstarifen?

Fuhrmann: Nach der Einführung des ersten Tarifvertrags konnte ich dem Gesetzgeber beweisen, dass Regelungen mit den Gewerkschaften möglich sind und daher die gesetzlichen Reglementierungen zurückgeschraubt werden konnten. Mit dem von mir 2001 initiierten Weimarer Programm des iGZ wurde diese Idee – „Entschlackung des AÜGs bei gleichzeitiger Einführung von Tarifverträgen“ – festgeschrieben. In der AÜG-Novelle 2002 wurde das Weimarer Programm vom Gesetzgeber umgesetzt und das Gesetz entschlackt.

RR: Mit Ihrer Strategie zur Einführung der Tarifverträge in der Zeitarbeit stehen Sie für die größte und nachhaltigste Veränderung der Branche  in den letzten 25 Jahren.

Fuhrmann: Natürlich zum Positiven hin. Die Negativhaltung der Gewerkschaften wurde aufgebrochen und der Weg zur allgemeinen Tarifierung der Branche geebnet. Kollegen bezeichnen mich oft als Erfinder und Architekt der Zeitarbeitstarifverträge.

RR: Die Prägung der ersten Verbandstarifverträge von 2003 wird Ihnen auch zugeschrieben.

Fuhrmann: Das ist richtig. Basis des iGZ-Tarifvertrags war die Blaupause meines Haustarifvertrags mit einigen Änderungen. Als federführender Verhandler beim iGZ musste ich ja nicht alles neu erfinden. Seit 2003 arbeiten praktisch 99% aller Personaldienstleister auf der Basis von Zeitarbeitstarifen. Meine Idee von  1998, Tarifverträge in der Branche abzuschließen, hat sich zum Standard entwickelt. Zwar haben sich zeitweilig zweifelhafte Gruppierung als tariffähige Gewerkschaft ausgegeben, jedoch ist der Spuk 2010 beendet worden.

RR: In 2011 haben Sie dann den nächsten Tarifvertrag für Zeitarbeit entwickelt.

Fuhrmann: In diesem Jahr kam einige Personaldienstleistern auf mich zu und bat mich, einen Premiumtarifvertrag für die Branche zu entwickeln. Auf der Basis des iGZ-Tarifvertrags entstand dann mit einigen Änderungen der tarifplus+TV, den ich bis heute betreue und strategisch weiter entwickele. Dieser Tarifvertrag wird inzwischen von vielen Seiten – sogar von Prüfern der Bundesagentur für Arbeit – immer wieder gelobt. “Er sei klarer und eindeutiger formuliert als die Verbandstarife der Zeitarbeit”. Damit wird es allen Anwendern in der täglichen Praxis leichter gemacht. Die meisten Außenstehenden sehen im  tarifplus+ Vorbildcharakter.

RRAugenscheinlich sind Sie mit Ihren Ideen und der sozialpolitischen Verantwortung Vorreiter der Branche. Ihr Slogan „die Zukunft gestalten“ ist offensichtlich Programm?

Fuhrmann: Das kann man so sehen. In 2011 habe ich z.B. die Tarifgleichheit West=Ost eingeführt und in 2012 den ersten Branchenzuschlagstarif zur Entgeltangleichung an die Stammbeschäftigten abgeschlossen. Natürlich ist unser Einstiegslohn oberhalb der Branchenmindestlöhne. Den ersten Branchenzuschlag bekommen die Mitarbeiter ab dem ersten Einsatztag und nicht erst nach 6 Wochen.  Bei kurzfristigen Einsätzen sind daher die  Mitarbeiter deutlich besser gestellt. Um nicht nur in der Industrie Angleichungen an die Entgelte der Stammbeschäftigten tariflich zu vereinbaren, habe ich auch in vielen  Gewerken des Handwerks Branchenzuschlagstarife vereinbart. Den sich stetig ändernden Anforderungen der Kundenbetriebe  ist durch  „Einbau“ von flexiblen tariflichen Lösungen Rechnung getragen. Diese vereinfachen die tägliche Arbeit der Tarifanwender. Ich verstehe Tarifpolitik nicht als Kampf um „Billiglösungen“.

RR: Wie geht es weiter?

Fuhrmann: Es gibt noch einiges tariflich und gesetzlich zu regeln, um die Zeitarbeit attraktiver zu gestalten. Hier werde ich versuchen, innovative Lösungen voran zu treiben.

RR: Wir danken für das Gespräch.

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